Von Negativität und Kappuhorudā

Wir Deutschen sind gerne negativ. Immer nur halbleere Gläser, elendes Gemecker, Negativzins. Schon Otto Fürst von Bismarck sagte einst:

« Es gehört zum deutschen Bedürfnis, beim Biere schlecht zu reden. »

(Oder so ähnlich :-). Diese Worte fielen mir wieder ein, als ich auf YouTube einen alten deutschen Werbespot für den X-90 anschaute…

Die Werbung erwähnt mit keiner einzigen Silbe die vielen kleinen Vorzüge des Autos: Klimaanlage, Targadach, und und und. Nein, der Spot spielt ausschließlich mit der grundsätzlichen, fast schon pathologischen Negativeinstellung des deutschen Spießbürgers: „Vom Nachbarn wird es sicherlich schockierte Blicke geben, wenn er den Heckspoiler zum ersten Mal sieht.“ „Meine Tante würde beim Anblick dieser Sitzpolsterung mit der Nase rümpfen.“ Man muss halt drüberstehen, so die These. Auf der einen Seite lustig, auf der anderen aber auch ein Offenbarungseid der deutschen Marketingstrategen — als ob man uns sagen wolle: „Ja, er sieht scheiße aus. Die Hater haben recht. Aber sei ein Individualist und tu es dir an, vielleicht macht es dich in Deutschland irgendwie cool.“

Und das stimmt ja sogar ;-). Aber es ist irgendwie auch schade, dass man sich für den deutschen Markt nur eine hart-ironische Kampagne vorstellen konnte statt einer, die selbstüberzeugt und ehrlich für den X-90 wirbt.

Im Heimatland Japan ging man es komplett anders an. Keine schockierten Hackfressen beim Anblick des X-90 — stattdessen wunderschöne Bilder und würdevolle Worte.

Aus dem Busch rechts strömt die Werbebotschaft: 個性を楽しもう (kosei o tanoshimou). Das bedeutet soviel wie: „Zeigen Sie Ihre Persönlichkeit“.  Und zwar nicht, weil Sie sich als konträre Persönlichkeit irgendwie vom pöbelnden Mob abheben wollen, sondern weil es tatsächlich Ihrer wahren Persönlichkeit entspricht. Eine Botschaft voller Positivität — voll crazy.

Die japanische Werbebroschüre feiert selbst die kleinsten Vorzüge des X-90 völlig frei und ungeniert: パワーステアリング (pawāsutearingu, a.k.a. power steering ), リヤスポイラー (riyasupoirā, a.k.a. rear spoiler) und natürlich カップホルダー (kappuhorudā — da kommste selber drauf ;-).

Die Broschüre besingt sogar die Einzigartigkeit des X-90 mit einer Art japanischem Gedicht. Das Auto steht im (finnisch anmutenden) Wald, in sich ruhend. Die Bäume lauschen andächtig.

Und inmitten dieser Stille spricht Konfuzius zu dir:

Wenn es etwas zu schließen gibt, dann werden die Leute es öffnen wollen.
Wenn es regnet, dann brauchst du ein Schutzdach.
Ist es egoistisch, dass du es aufmachen willst, wenn es klar ist?
Nein, denn das ist Freiheit.

Entfesselte Freiheit beim Fahren unter freiem Himmel.
Freiheit durch das Fahren mit FR*.
4×4-Freiheit, die deinen Aktionsradius erweitert.
Sei ein Junge, sei ein Mädchen, und lass uns meinen Weg gehen.

(*FR = front-engine, rear-drive)

Man wirbt für ein Auto, für das man sich nicht schämen muss, das sogar inspiriert. Es flüstert in dein Ohr: Ich bin positiv, dass uns diese Karre problemlos 8.500km um die Ostsee bringen wird. Ich bin positiv, dass man im Winter mit offenem Targadach zum Nordkapp fahren kann. Und ich bin auch positiv, dass die kappuhorudā sehr nützlich sein werden.

Von dieser Positivität können wir Deutschen uns alle ’ne Scheibe abschneiden.

Greta Thunberg, rette den X-90!

Wie viele andere Kreaturen, die etwas merkwürdig aussehen — der Jangtse-Glattschweinswal, das Spitzmaulnashorn — ist der Suzuki X-90 vom Aussterben bedroht. Allein in Deutschland leben von einem ursprünglichen Bestand von ca. 3.000 Exemplaren in 1997 heute nur noch 448 X-90er in freier Wildbahn. In Großbrittanien sind von ursprünglich 1.200 Individuen nur noch 184 übrig (und davon mehr als die Hälfte in der verstümmelten 2WD Ausführung).

Die Entwicklungen sind dramatisch. Wenn sich aktuelle Trends fortsetzen und wir nichts unternehmen, dann wird der X-90 bis 2022 in Deutschland ausgestorben sein.

Die wesentliche Schuld am rasanten Aussterben in Deutschland ist eindeutig zwei Gruppen zuzuordnen: (1) der jungen Generation und (2) Frauen.

Noch vor 12 Jahren (seit da gibt es die Detailstatistik des Kraftfahrt-Bundesamtes) war der X-90 eine Erscheinung, die Frauen begeistern konnte. Das Modell wurde zu 51% von weiblichen Fahrzeughaltern angemeldet (verglichen mit einer allgemeinen Bundesstatistik von 31% weiblichen Kfz-Haltern). Doch während heute sogar 34% aller deutschen Autos von Frauen angemeldet sind, hat sich die Quote beim X-90 auf fast 40% reduziert. Die Frauen bleiben dem X-90 nicht treu. Ähnlich verhält es sich mit der jungen Generation. In 2007 waren ganze 7% der X-90-Halter unter 29 Jahre, heute sind es nur noch knapp 1%.

Nur durch den beherzten Einsatz alter deutscher Männer konnte die Art bislang erhalten bleiben. Vor allem Fahrzeughalter ab 60 sind in die Bresche gesprungen: Hielten sie in 2007 nur 23% der X-90er, so sind es heute über 53%.  Auch bei den „circa 50-jährigen“ gibt es noch große Zuneigung.

Nach Bundesland betrachtet zeigen sich verstörende Entwicklungen. Nicht weiter überraschend ist, dass sich die „feine“ Bevölkerung Deutschlands — die Berliner, die Hamburger, die Bayern, die Schwaben — nie groß für den bodenständigen X-90 begeistern konnte. Alarmierend ist allerdings, dass sich seit 2007 auch die ursprünglichen „Fans“ zunehmend vom X-90 distanzieren: Mecklenburg-Vorpommern, in 2007 noch Hochburg der X-90-Anmeldungen in Deutschland, hat seine Exemplare offenbar systematisch an die Nachbarn in Schleswig-Holstein und Brandenburg weiterverschachert. Quasi „wie heisse Kartoffeln“.

Auch Sachsen, Sachsen-Anhalt und das Saarland, in 2007 noch dem X-90 treu, sind auf einem absteigenden Ast. Nur der sogenannte „X-90-Gürtel“ bestehend aus Rheinland-Pfalz, Hessen und Thüringen bleibt stark. Aber so ist ja schon immer gewesen, und so wird es auch immer sein: Am Ende müssen es halt die Hessen richten.

Greta Thunberg, falls du diesen Blog liest: Wir brauchen dich. Komm doch bitte nach Hessen und stehe uns bei, bevor der X-90 endgültig von den deutschen Straßen verschwindet.

Statistik v2

Hier nochmal zum Abschluss die Kurzstatistik der Rallye. Im Gegensatz zum Vorjahr war die Strecke dieses Mal auch tatsächlich 3.500 km lang 🙂

Rallye-Distanz von Brüssel nach Edinburgh: 3.446 km zzgl. 56 km Eurotunnel und 9 km Fähre (insg. 3.511 km)
Luftlinie Brüssel-Edinburgh: 750 km
Gefahrene Distanz inkl. An- und Abreise: 4.525 km zzgl. 56 km Eurotunnel und 501 km Fähren (insg. 5.082 km)

Längen der einzelnen Etappen (Karte): (Anreise) 401 km, (1) 413 km (davon 56 km Eurotunnel), (2) 328 km, (3) 385 km, (4) 307 km, (5) 496 km, (6) 244 km, (7) 388 km (davon 9 km Fähre), (8) 356 km, (9) 392 km, (Zieleinfahrt) 202 km, (Abreise) 1170 km (davon 492 km Fähre)

Den Vergleich zum Vorjahr gibt es hier.

Verschleiß
Motoröl: 1 Liter
Bremsflüssigkeit: 0
Keilriemen: 0
Stoßdämpfer: 2
Bier: überabzählbar

Rückreise: Jackpot auf hoher See

Nach einem Abschlussfrühstück mit den Frankfurter Fans (natürlich inkl. Haggis und Black Pudding) und dem obligatorischen Touri-Einkauf auf der Royal Mile ging es im Jag in Richtung Newcastle / North Shields. Die Fahrt lief schneller als erwartet, also war noch Zeit genug für einen Besuch des Outlet-Centers vor dem Fährhafen 🙄 Einfach nur toll.

Ein Großteil der Teams war am Fährhafen mit am Start — Es gab direkt großen Stuhlkreis oben auf den Sonnendeck der Fähre. Ein paar Zigarren, ein dickes Steak, dann ab ins Casino zum Wegzocken der letzten schottischen Geldscheine. Die Bier-Elster war wieder nur am Gewinnen und hat erneut dreistellig am Roulettetisch abgeräumt (wie schon in Monte Carlo in 2016). Einen bescheideneren Jackpot von sage und schreibe 15 Euro gab es bei den Slots, leider ausgezahlt in 20 Cent Münzen — Das sieht leider weniger geil aus als ein Stapel Fuffies. Schäbige Disco-Show reingezogen, dann ab in die Kajüte auf dem Champagnerdeck.

Nach einer kurzen Nacht auf See ging es auf der Autobahn mit Jag-Vollgas (140 km/h) zurück nach Nieder-Eschbach.  😎